Dresdner Randnotizen (Kalender 2019)

Dresdner Randnotizen
A3, quer, Papier 135 g/m², matt
1. Auflage 25 Ex.
Monatskalender mit 14 Abbildungen von 2012 bis 2018
17 € zzgl. Versandkosten
Bestellung über photographie[at]gmail.com
außerdem in Dresden erhältlich bei:
Buchhandlung Lesezeichen (Prießnitzstr. 56)

Dresdner Randnotizen, Kalender 2019; Titelbild: Klein aber mein (2017)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text auf Kalenderblatt 2
„Dresden…; obersorbisch Drježdźany; abgeleitet aus dem altsorbischen Drežďany für Sumpf- oder Auwaldbewohner) …“ (Wikipedia) Aha: „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin …“ Bei der Stadtratswahl 2014 erhielt die AfD 7 % der Stimmen, bei den Bundestagswahlen 2017 mit über 22 % bei den Erst- und Zweitstimmen dicht hinter der CDU zweitstärkste Partei. Die stärkste an den Stadträndern in Prohlis, Gorbitz-Süd und -Nord. Also Plattenbausiedlungen. Bin ich im Ausland auf Reisen und sage, ich komme aus Dresden, können damit nur erstaunlich wenige was anfangen. In Deutschland wird auf Pegida verwiesen und DIE Dresdner glauben ohnehin viel vehementer, Teil des berühmten Nabels zu sein. Kann man in Dresden leben, wenn man deutlich weiter links ist als die rechte Massenmitte? Sicher: man kann. Dresden war schon „immer“, sagen wir mal seit Barockzeiten sehr konservativ. Positiv: Sachsen hat nie einen Krieg angezettelt. Negativ: Die Kommunikation mit Fremden. Und der politisch diametralen Lager. Man ist sich auch fremd. Die Einen wie die Anderen leben vom Feindbild, was Machtbeflissenen hilft. Dresden ist eher wie eine große Familie – man gehört dazu oder eben nicht. Die meisten Menschen in Dresden, mit denen ich freundschaftlich oder gut bekanntschaftlich verbunden bin, stammen wie ich nicht aus Dresden oder „nicht mal“ aus Deutschland. Also doch eine weltoffene Stadt? Eher NEIN, nicht jeder findet hier seinen Freiraum oder kann ihn sich erhalten. Aber man kann hier leben – eine interessante Geschichte und ihre Spuren, viele freundliche und intelligente Menschen. Von einer schönen Landschaft ringsum ganz zu schweigen. Aber man – also ich – braucht seine Auszeiten. Dresden bewirbt sich als Europäische Kulturhauptstadt Europa 2025. Hat die Stadt diesen Titel verdient? Was heißt „die Stadt“? „Wir sind das Volk!“ ist heutzutage (war es 1989 wirklich anders, als 20 Joghurtsorten und die DM-Mark neue Konsumenten brauchten???) ein Markenzeichen der Zurückgebliebenen. Der ewigen Verlierer. Die nur im rückwärtsgewandt wissen wofür, oder vielmehr wogegen. Und die Gegenseite? Setzt oft auf Konfrontation. Zumindest die Radikalen. Die – egal ob links oder rechts – das Geschehen prägen. Dresden läßt wohl eine der größten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst in Deutschland, die „Ostrale“ ziehen. Kulturelle Alternativen werden meist mit Almosen und Eigenlobhudelei abgespeist. Jenseits der Devise „Der Tourismusrubel muß rollen!“ ist städtische Kulturpolitik scheinbar überfordert. Oder nicht gewillt? Mit meinen Fotos habe ich – laut städtischem Straßen- und Tiefbauamt, zuständig für die Umsetzung der Sondernutzungssatzung zur Straßenkunst – nicht das Recht, mich ohne Laden in der Dresdner Innenstadt zu präsentieren. „Sie wollen damit ja nur Geld verdienen.“ Kompetenz sieht anders aus. Dennoch ja, man kann hier leben, auch ohne als radikaler Protestkünstler seine Kampfarena gefunden zu haben. Dresden ist eine Stadt zwischen Idylle und Frust, wo die Liebe manchmal schnell die Treppe runterfällt oder der Sand im Verständigungsgetriebe knirscht, Abendidylle blendet, Schwebezustände kein Ende nehmen, es sind halt die Sachsen am Werk. Manches ist zu neu für die Altstadt. Bau auf, reiß ein, bau auf, reiß aus oder nicht. Und so bleibt Dresden ambivalent. Und damit wieder etwas ganz Alltägliches, wie viele andere Städte in Deutschland und auf der Welt. In diesem Kalender versuche ich, dieser – meiner gefühlten – Ambivalenz Ausdruck zu verleihen. Aufmerksames Hinschauen ist oft der Anfang für Verstehen.
Peter R. Fischer
Titelbild: Klein aber mein (Blasewitz; 2017)
links: o.T. (Ausschnitt; Pirnaische Vorstadt; 2016)